Folge 6: Die Happy / Suit Yourself – 03.05.02 Musikzentrum, Hannover:

 

Hallo und herzlich willkommen zu einer neuen Ausgabe von Rittis Feierabend. Heute habe ich mich einmal todesmutig in die Grauzone zwischen zünftigem Alternative Rock und  schnödem ViVa-Kommerz begeben und mir für euch Die Happy angesehen. Jenes Ulmer Quartett, welches sich  in der Vergangenheit in meinen Augen viel zu häufig den Vergleich mit den Göttinger Snowboard-Knalltüten „Guano Apes“ gefallen lassen musste. Zugegeben, gewisse musikalische parallelen ließen sich bisher nicht von der Hand weisen, doch spätestens mit ihrem aktuellen Album „Beautiful Morning“ zeigten Die Happy deutlich, dass sie mehr sind als eine von kreischigen Vocals in die Charts gebrüllte Boarder-Kapelle.

Dem entsprechend gespannt war ich, wie es wohl um die Live-Qualitäten von Frau Jandova und ihren Mannen bestellt ist, zumal ich bisher nur Gutes gehört hatte. Bevor es jedoch mit dem „glücklichen Sterben“ losgehen konnte wartete zunächst ein beschwerlicher Weg auf mich:

Nachdem ich die ersten Hürden der Marke „Wo ist eigentlich das Musikzentrum?“ und „Wo bitte gibts denn hier ´nen Parkplatz“ eher strauchelnd gemeistert und mir zu Feier des Tages einen völlig sinnlosen Umwegsmarsch durch den strömenden Regen gegönnt hatte, stand ich erst einmal triefend vor dem Eingang und hoffte, dass dort nicht noch weitere Unwegsamkeiten (heute keine Kameras) auf mich zukommen würden. Gottseidank ging aber alles glatt und so fand ich mich kurz darauf in einem mickrigen, leicht an einen Schweinestall erinnernden Gemäuer wieder, in dem eine ebenso mickrige Bühne für Die Happy und ihre Supportband Suit Yourself bereit stand. Letztere hatten sogar die Ehre lediglich mit der halben Bühne auskommen zu müssen, da der hintere Teil zwecks Verhüllung umherstehender Leinwände und Instrumente abgedeckt worden war.

Entsprechend beengt begannen die 4 im Schlabberlook gewandeten Gestalten aus dem Raum Reutlingen gegen 21 Uhr damit dem bunt gemischten Publikum aus Teenagern, Normalos und Metallern ihr aktuelles Album „Rockola“ schmackhaft zu machen. Für knappe 45 Minuten ließen sie soliden Alternative-Rock  hören, der mit dezenten Anflüchten von College-Rock und New-Metal in erster Linie bei den jüngeren Zuschauern gut ankam. Somit ließen vereinzelte Zugaberufe und erstes zaghaftes Gehüpfe nicht lange auf sich warten und auch Sänger Marcs Aufforderungen zum Mitsingen kam die Menge gerne nach. Mich hingegen konnten Suit Yourself mit Ihrem Auftritt nicht vollkommen überzeugen. Grund dafür war eben jener Sänger, der sich neben seinen stimmlichen Darbietungen zu sehr aufs Herumhampeln und Posen verlegte. Zudem empfand ich das Songmaterial der Band als ziemlich berechnend, da es mit offenkundiger ViVa-Kompatibilität doch ziemlich nach dem schnellstmöglichen Weg in die Charts fragte, was vor allem durch die vor der Bühne herumspringenden Teenagern belegt wurde.

Als  Suit Yourself geendet hatten, hielt erst einmal das große Umbauen auf der Bühne Einzug: Die Absperrung musste ebenso weg, wie das zweite Schlagzeug. Daher dauerte es auch über 20 Minuten bis endlich das Licht erlosch und die Show von Die Happy beginnen konnte.

Und kaum waren die 4 auf der Bühne ging im wahrsten Sinne die Post ab: Vor ausverkauftem Haus legten die Ulmer mit „Paralyzed“ gleich einen fetten Dampfhammer vor, zu dem mit infernalischem Gebrüll wüst abgepogued wurde. Innerhalb von Sekundenbruchteilen stand die Hütte Kopf und erklärte sich der Band hörig. Es dauerte dann auch nicht lange, bis die ersten Feierwütigen auf die Bühne kraxelten um sich schwungvoll zum Crowdsurfing in die Menge fallen zu lassen.

Die Happy hingegen feuerten weiter aus allen Rohren. Gekonnt reihten sie die Songs ihrer beiden Studioalben aneinander und heizten ein. Dabei versprühte besonders Sängerin Marta eine kaum in Worte zu fassende Energie. Sie rannte, fegte, sprang umher wie ein Flummi und beeindruckte dabei mit einer Stimmgewalt, die ich selten zuvor und schon gar nicht live gehört hatte. Ähnlich wie Tarja von Nightwish holt die zierliche Tschechin Töne aus ihren knapp 1 Meter 60 die man ihr nie im Leben zutraut. Zudem verstand sie es meisterlich Kontakt zum Publikum aufzubauen, sei es durch Augenkontakt oder gezieltes Abklatschen in den ersten Reihen.

Als nach knapp 20 Minuten „Like a Flower“ und der Megahit „Supersonic Speed“ das Musikzentrum entgültig in ein Tollhaus verwandelt hatten  war das Konzert zum völligen Selbstläufer geworden. Es gab kein Halten mehr und das Publikum fraß Die Happy aus der Hand. Da wurden auch die kleinen Späße der Band  über Martas Deutschkenntnisse gerne hin genommen.

Leider war dies dann der Punkt von dem an der kleine Club mit den 500 schwitzenden und tobenden Menschen völlig überfordert war. So wurde aus Thorstens Scherz „Mensch, 38 Grad! Genau so hoch wie mein Fieber gestern“ bitterer Ernst: Mittlerweile gab es nahezu keinen Sauerstoff mehr und der Saal hatte sich in eine riesige Sauna verwandelt, in der Atmen fast unmöglich wurde.

Nach etwas mehr als 30 Minuten schrillten dann allerseits die Alarmglocken: Während ich mich schon seit 10 Minuten aus dem Gewühl vor der Bühne verabschiedet hatte, begann nun vorne das große Umfallen. Sichtlich um Schadensbegrenzung bemüht orderte Marta eilig ein paar Wasserflaschen und gab zu verstehen, dass auch der Band unter diesen Extrembedingungen  langsam die Sinne schwanden.

Nun war die Zeit reif für einen echten Härtetest: Würden Die Happy in dieser Hitzeschlacht einbrechen oder es schaffen die bis dahin perfekte Darbietung durchzuhalten? Die Antwort fiel ebenso umfangreich wie eindeutig aus. Die Happy rockten! Und das noch über eine Stunde lang. Einen Song nach dem anderen ließen sie auf die gepeinigten Hannoveraner niederprasseln und funktionierten dabei wie ein Uhrwerk. Souverän meisterten sie Hartes (Human Being) wie Zartes (Adams Eyes) und hatten noch genügend Luft um in einem spektakulären Miteinander ihren aktuellen Hit „Goodbye“ minutenlang zu zelebrieren, bevor sie ein furioses Finish bestehend aus  „Leaving you“ und „Undercover Genius“ hinlegten. Zudem gab es zwei Songs als Zugabe bei denen alle Anwesenden noch einmal die letzten Kraftreserven mobilisierten um sich gebührend von einander zu verabschieden.

Nach 100 Minuten hatten die physischen Qualen im Glutofen Musikzentrum dann ihr verdientes Ende gefunden und ich kann nichts weiter tun als respektvoll meinen Hut vor der Darbietung von Die Happy zu ziehen. Was allen voran Sängerin Marta auf der Bühne geleistet hat war schlichtweg Wahnsinn. Wo andere schnaufend in der Ecke standen und nach Luft rangen gab sie auf der Bühne Vollgas und kam nicht ein einziges mal ernsthaft ins Straucheln. Insgesamt haben alle 4 unter echten Hardcore-Bedingungen eine Energieleistung hingelegt bei der so manch andere Formation gnadenlos in die Knie gegangen wäre.

Sollte das Ulmer Quartett einmal in Eurer Gegend unterwegs sein , so kann ich euch nur raten ihnen einmal einen Besuch abzustatten. Denn wenn sie unter extremen Umständen schon abgehen wie das sprichwörtlich Zäpfchen möchte ich nicht wissen, wozu sie unter Normalbedingungen alles im Stande sind.

Euer Ritti 

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